Bulimia nervosa, oft als Ess-Brech-Sucht bezeichnet, ist eine komplexe Essstörung, die viele Menschen betrifft, oft unerkannt. Das Verständnis der Symptome ist entscheidend sei es für Sie selbst, für einen geliebten Menschen oder aus allgemeinem Interesse. Dieser Artikel dient als umfassender Leitfaden, um die vielfältigen Anzeichen von Bulimie zu erkennen und die ersten Schritte zur Heilung zu verstehen.
Bulimie erkennen: Wichtige Anzeichen und erste Schritte zur Hilfe
- Bulimia nervosa ist eine Essstörung, die durch wiederkehrende Essanfälle und anschließende kompensatorische Maßnahmen wie Erbrechen oder übermäßigen Sport gekennzeichnet ist.
- Die Symptome umfassen körperliche Anzeichen wie Zahnschäden, geschwollene Speicheldrüsen ("Hamsterbacken") und Herz-Kreislauf-Probleme, verursacht durch Elektrolytstörungen.
- Psychische und verhaltensbezogene Warnsignale sind eine ständige Beschäftigung mit Essen und Gewicht, Körperschemastörung, sozialer Rückzug sowie Scham- und Schuldgefühle.
- Die Erkrankung wird oft aus Scham verheimlicht, was eine hohe Dunkelziffer zur Folge hat und die frühzeitige Erkennung erschwert.
- Eine Abgrenzung zu Anorexie (normales/höheres Gewicht) und Binge-Eating-Störung (Fehlen kompensatorischer Maßnahmen) ist für die Diagnose entscheidend.
- Professionelle Hilfe durch Psychotherapie und spezialisierte Beratungsstellen ist dringend notwendig, um schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu vermeiden.
Bulimia nervosa, im Volksmund oft als Ess-Brech-Sucht bekannt, ist eine ernsthafte Essstörung. Sie ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle, bei denen Betroffene in kurzer Zeit große Mengen an Nahrung zu sich nehmen und dabei oft die Kontrolle verlieren. Diesem folgt das zwanghafte Bestreben, die aufgenommene Kalorienmenge durch kompensatorische Verhaltensweisen wie Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, exzessiven Sport oder Fasten wieder auszugleichen. In Deutschland sind schätzungsweise 1,3 bis 1,7 % der Bevölkerung betroffen, wobei Frauen und Mädchen deutlich häufiger erkranken. Die Erkrankung beginnt oft im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter. Aufgrund der tiefen Scham und des Bedürfnisses, die Symptome zu verbergen, ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen, was die Erkennung und Hilfe erschwert.
Die entscheidenden Kriterien: Wann sprechen Experten von Bulimie?
- Wiederkehrende Essanfälle: Charakteristisch sind Episoden, in denen eine erheblich größere Nahrungsmenge verzehrt wird, als die meisten Menschen in einem vergleichbaren Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden. Während dieser Anfälle besteht ein deutlicher Verlust der Selbstkontrolle.
- Wiederholte kompensatorische Maßnahmen: Um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, wenden Betroffene regelmäßig gegensteuernde Verhaltensweisen an. Dazu zählen selbstinduziertes Erbrechen, der Missbrauch von Abführmitteln (Laxantien) oder harntreibenden Mitteln (Diuretika), exzessive körperliche Betätigung oder längere Phasen des Fastens.
- Häufigkeit der Symptome: Die Essanfälle und die kompensatorischen Maßnahmen treten im Durchschnitt mindestens einmal pro Woche auf und dies über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten.
- Übermäßige Abhängigkeit von Figur und Gewicht: Das Selbstwertgefühl der betroffenen Person ist in einem übermäßigen Maße von ihrer Figur und ihrem Körpergewicht abhängig.
- Abgrenzung zur Anorexie: Die Essstörung tritt nicht ausschließlich während Episoden einer Anorexia nervosa auf. Das Körpergewicht liegt bei Bulimie typischerweise im Normalbereich oder ist leicht erhöht.
Körperliche Warnsignale: Wie Bulimie den Körper verändert

Das verräterische Lächeln: Wie Zähne und Mundraum leiden
Das häufige Erbrechen bei Bulimie hinterlässt deutliche Spuren im Mundraum. Die aggressive Magensäure greift den Zahnschmelz an und führt zu dessen Erosion. Dies kann sich in Form von Verfärbungen, erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Kälte und Wärme, Rissen und schließlich zu einem sichtbaren Abbau der Zahnsubstanz äußern. Auch das Zahnfleisch kann entzündet sein, und die Speicheldrüsen können anschwellen, was zu einem aufgedunsenen Gesicht führt.
Von "Hamsterbacken" bis zum Russell-Zeichen: Sichtbare Anzeichen im Gesicht und an den Händen
Eine der auffälligsten körperlichen Veränderungen sind die sogenannten "Hamsterbacken", eine schmerzhafte Schwellung der Speicheldrüsen, die durch das wiederholte Erbrechen ausgelöst wird. Ebenso kann das sogenannte Russell-Zeichen auftreten: charakteristische Schwielen oder kleine Verletzungen an den Fingerknöcheln. Diese entstehen, wenn Betroffene ihre Finger nutzen, um den Würgereflex auszulösen und das Erbrechen herbeizuführen.
Ein gestörter Rhythmus: Warum das Herz bei Bulimie in Gefahr ist
Die ständigen Schwankungen im Elektrolythaushalt, insbesondere ein Mangel an Kalium, der durch Erbrechen und den Missbrauch von Abführmitteln verursacht wird, stellen eine erhebliche Gefahr für das Herz dar. Dies kann zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen, einem niedrigen Blutdruck und im schlimmsten Fall zu einem Herzstillstand führen. Auch die allgemeine Herzfunktion kann beeinträchtigt sein.
Wenn die Verdauung rebelliert: Chronische Probleme von der Speiseröhre bis zum Darm
Der Verdauungstrakt leidet erheblich unter den Ess-Brech-Zyklen. Häufige Symptome sind Sodbrennen und schmerzhafte Entzündungen der Speiseröhre (Ösophagitis), die durch die Magensäure verursacht werden. In seltenen, aber lebensbedrohlichen Fällen kann es zu Rissen in der Speiseröhre oder im Magen kommen. Bei chronischem Missbrauch von Abführmitteln sind Verstopfung und eine gestörte Darmfunktion die Folge.
- Sodbrennen
- Entzündungen der Speiseröhre (Ösophagitis)
- Magenrisse (selten, aber lebensbedrohlich)
- Chronische Verstopfung
- Störungen der Darmfunktion
Weitere körperliche Folgen: Was mit Hormonen, Haut und Haaren geschieht
Die Auswirkungen von Bulimie beschränken sich nicht nur auf die genannten Bereiche. Elektrolytstörungen und Dehydration können zu Nierenschäden führen. Hormonelle Ungleichgewichte sind ebenfalls häufig, was sich bei Frauen oft in unregelmäßigen oder ausbleibenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe) äußert. Auch das äußere Erscheinungsbild kann leiden: Die Haut wird oft trocken und fahl, und Haarausfall kann ein weiteres sichtbares Zeichen sein.
Versteckte Kämpfe: Verhaltensweisen und psychische Belastungen

Die ständige Beschäftigung mit Essen, Gewicht und Figur dominiert das Denken und Handeln von Menschen mit Bulimie. Dies äußert sich in zwanghaftem Kalorienzählen, dem Erstellen und Befolgen strenger Diätpläne und einem häufigen Gang auf die Waage. Viele Betroffene horten heimlich Lebensmittel und essen in geheimen oder in sehr kurzen, unkontrollierten Essanfällen, um ihre Essattacken zu stillen.
Die Körperschemastörung ist ein zentrales psychisches Merkmal der Bulimie. Betroffene nehmen ihren eigenen Körper verzerrt wahr und empfinden ihn als zu dick oder unansehnlich, selbst wenn objektive Messungen dies nicht bestätigen. Das Selbstwertgefühl ist untrennbar mit dem Aussehen und dem Gewicht verbunden, was einen ständigen Kreislauf aus Unzufriedenheit und dem Drang zur Gewichtsreduktion aufrechterhält.
Die Scham über das eigene Verhalten führt oft zu einem tiefen sozialen Rückzug. Betroffene meiden gemeinsame Mahlzeiten mit Familie und Freunden, um ihre Essanfälle oder das anschließende Erbrechen zu verbergen. Ein typisches Verhaltensmuster ist der eilige Gang zur Toilette direkt nach dem Essen. Diese Geheimhaltung und Isolation verstärken die Erkrankung und erschweren den Weg zur Hilfe.
- Starke Stimmungsschwankungen, von Reizbarkeit bis zu depressiven Verstimmungen.
- Zunehmende Angstzustände, oft verbunden mit der Angst vor Gewichtszunahme.
- Tiefgreifende Scham- und Schuldgefühle, besonders nach Essanfällen.
- Mögliches impulsives Verhalten in anderen Lebensbereichen, wie unkontrolliertes Geldausgeben oder Substanzmissbrauch.
Abgrenzung zu anderen Essstörungen: Was Bulimie einzigartig macht
Es ist wichtig, Bulimie von anderen Essstörungen zu unterscheiden, um die richtige Diagnose und Behandlung zu gewährleisten.
| Merkmal | Bulimie vs. andere Essstörungen |
|---|---|
| Körpergewicht | Bei Bulimie liegt das Gewicht typischerweise im Normalbereich oder ist leicht erhöht. Im Gegensatz dazu ist bei Anorexia nervosa ein signifikantes Untergewicht charakteristisch. |
| Essanfälle | Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust sind ein Kernmerkmal der Bulimie und der Binge-Eating-Störung. |
| Kompensatorische Maßnahmen | Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zur Binge-Eating-Störung ist das Vorhandensein von kompensatorischen Maßnahmen (Erbrechen, Abführmittelmissbrauch, exzessiver Sport etc.) bei Bulimie. Diese fehlen bei der Binge-Eating-Störung. |
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Hilfe finden: Der Weg aus der Bulimie
Bulimie ist eine ernsthafte Erkrankung, die nicht von selbst heilt und potenziell lebensbedrohliche gesundheitliche Folgen haben kann. Zögern Sie daher nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Behandlung ist in der Regel multimodal und kombiniert verschiedene Therapieansätze. Dazu gehören Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die sich als sehr wirksam erwiesen hat, sowie eine spezialisierte Ernährungsberatung. In einigen Fällen kann auch eine medizinische Überwachung oder die Unterstützung durch Medikamente, wie beispielsweise Antidepressiva (z. B. Fluoxetin), sinnvoll sein, um begleitende psychische Symptome wie Depressionen oder Angstzustände zu behandeln.
Ihr Wegweiser zur Hilfe: Anlaufstellen in Deutschland für Betroffene und Angehörige
Der erste Schritt zur Genesung ist oft der schwierigste, aber es gibt zahlreiche Anlaufstellen, die Unterstützung bieten:
- Hausärzte: Sie sind oft die erste Anlaufstelle und können eine erste Einschätzung geben sowie an spezialisierte Fachärzte überweisen.
- Fachärzte: Psychosomatische Mediziner oder Psychiater sind auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert.
- Beratungsstellen für Essstörungen: Viele Städte und Regionen bieten spezialisierte Beratungsstellen, die anonyme und kostenlose Hilfe anbieten.
- Kliniken für Essstörungen: Für schwerere Fälle oder wenn eine ambulante Behandlung nicht ausreicht, stehen spezialisierte Kliniken mit stationären oder teilstationären Therapieplätzen zur Verfügung.
- Online-Angebote und Hotlines: Es gibt zahlreiche Online-Ressourcen und kostenlose Telefon-Hotlines, die schnelle und unkomplizierte Hilfe und Informationen bieten.
