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Manfred Bruns

Manfred Bruns

26. September 2025

ME/CFS-Diagnose: Ihr Wegweiser durch den komplexen Prozess

ME/CFS-Diagnose: Ihr Wegweiser durch den komplexen Prozess

Inhaltsverzeichnis

    Der Weg zur Diagnose des Chronischen Erschöpfungssyndroms (ME/CFS) kann lang und herausfordernd sein. Dieser Artikel soll Ihnen als umfassender Leitfaden dienen, um den Prozess der Diagnostik in Deutschland besser zu verstehen und Ihnen konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Ihrer Erkrankung zu geben. Wir möchten Klarheit in einen oft verwirrenden Prozess bringen und Ihnen aufzeigen, wie Sie die notwendige Unterstützung erhalten können.

    • ME/CFS ist eine schwere chronische Erkrankung, die weit über normale Müdigkeit hinausgeht und eine sorgfältige ärztliche Abklärung erfordert.
    • Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose, die auf spezifischen Kriterien basiert und die Abgrenzung zu anderen Krankheiten einschließt.
    • Eine fundierte Vorbereitung auf Arztbesuche, insbesondere durch ein detailliertes Symptomtagebuch, ist entscheidend für eine präzise Diagnose.
    • Die S3-Leitlinie "Müdigkeit" und internationale Kriterien wie die Kanadischen Konsensus-Kriterien (CCC) oder die IOM/SEID-Kriterien sind wichtige Orientierungspunkte.
    • Die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und gegebenenfalls spezialisierten Fachärzten ist für den diagnostischen Prozess unerlässlich.

    Die Diagnose des Fatigue-Syndroms: Ihr Weg zu Klarheit

    Das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) ist weit mehr als nur ein vorübergehendes Gefühl der Müdigkeit. Es handelt sich um eine schwere, multisystemische Erkrankung, die das tägliche Leben der Betroffenen tiefgreifend beeinträchtigt. Oftmals wird die immense Belastung, die mit ME/CFS einhergeht, von außen nicht wahrgenommen eine unsichtbare Last, die zu Isolation und mangelnder Anerkennung führen kann. Die Diagnose ist daher nicht nur ein medizinischer Schritt, sondern auch ein wichtiger Akt der Validierung für die Betroffenen.

    Der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Vermutung: Was Sie gewinnen

    Eine gesicherte Diagnose von ME/CFS ist für Betroffene von unschätzbarem Wert. Sie bietet nicht nur die offizielle Anerkennung der Erkrankung, sondern ebnet auch den Weg für spezifische Managementstrategien, wie das essenzielle Pacing, um die Symptome zu kontrollieren und eine Verschlimmerung zu vermeiden. Darüber hinaus ermöglicht eine Diagnose den Zugang zu unterstützenden Maßnahmen und Informationen, die speziell auf die Bedürfnisse von ME/CFS-Patienten zugeschnitten sind. Es ist der erste Schritt, um die Erkrankung aktiv anzugehen und die Lebensqualität trotz der Herausforderungen zu verbessern.

    "Die Diagnose war für mich wie ein Leuchtfeuer in dunkler Nacht. Endlich wusste ich, was mit mir los war, und konnte aufhören, an mir selbst zu zweifeln. Das hat mir die Kraft gegeben, die nächsten Schritte zu gehen."

    Ein Überblick: So verläuft der Weg zur gesicherten ME/CFS-Diagnose in Deutschland

    Der diagnostische Prozess für ME/CFS in Deutschland ist strukturiert und erfordert Geduld. Er beginnt mit einer detaillierten Anamnese, bei der Ihre Symptome, deren Beginn und Verlauf genau erfasst werden. Darauf folgt eine gründliche körperliche Untersuchung, um erste Anhaltspunkte zu gewinnen. Der entscheidende Schritt ist die umfassende Ausschlussdiagnostik: Hierbei werden systematisch andere Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen könnten, ausgeschlossen. Die aktuelle S3-Leitlinie "Müdigkeit" bietet hierfür einen wichtigen Rahmen. Abschließend werden die gesammelten Informationen mit etablierten Diagnosekriterien abgeglichen, um eine fundierte Diagnose stellen zu können.

    1. Ausführliche Anamnese: Erfassung Ihrer Krankengeschichte, Symptome, deren Beginn und Verlauf.
    2. Körperliche Untersuchung: Umfassende internistische und neurologische Untersuchung.
    3. Umfangreiche Ausschlussdiagnostik: Systematisches Ausschließen anderer möglicher Erkrankungen.
    4. Gezielte Laboruntersuchungen: Standard- und spezifische Bluttests zur Identifizierung oder zum Ausschluss von Krankheiten.
    5. Bildgebende Verfahren und Funktionstests: Bei Bedarf zur weiteren Abklärung.
    6. Anwendung von Diagnosekriterien: Abgleich der Befunde mit anerkannten Kriterien (z.B. CCC, IOM/SEID).

    Symptomtagebuch ME/CFS

    Vorbereitung auf den Arztbesuch: Ihr entscheidender Beitrag

    Das Symptomtagebuch: Ihr stärkstes Werkzeug für eine präzise Anamnese

    Ein gut geführtes Symptomtagebuch ist für die Diagnose von ME/CFS unerlässlich. Es liefert dem Arzt ein klares Bild von der Komplexität und dem Verlauf Ihrer Beschwerden, das über das hinausgeht, was in einem kurzen Arztgespräch vermittelt werden kann. Ihre detaillierten Aufzeichnungen sind das Fundament für eine präzise Anamnese und helfen, Muster und Zusammenhänge zu erkennen, die für die Diagnose entscheidend sind.

    • Art und Intensität der Symptome: Beschreiben Sie alle Symptome (Fatigue, Schmerzen, kognitive Probleme, etc.) und bewerten Sie deren Schweregrad (z.B. auf einer Skala von 1-10).
    • Beginn und Verlauf: Wann traten die Symptome auf? Haben sie sich verschlimmert oder verändert?
    • Auslöser: Gab es spezifische Ereignisse (Infektionen, Stress, Anstrengung), die den Beginn oder eine Verschlimmerung ausgelöst haben könnten?
    • Post-Exertional Malaise (PEM): Dokumentieren Sie sorgfältig jede Verschlechterung Ihrer Symptome nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung. Notieren Sie, wann die Anstrengung stattfand und wie sich die Verschlechterung (zeitversetzt) äußerte und wie lange sie anhielt.
    • Schlafqualität: Beschreiben Sie, ob Ihr Schlaf erholsam ist, wie lange Sie schlafen und ob es Schlafstörungen gibt.
    • Aktivitätslevel: Protokollieren Sie Ihre täglichen Aktivitäten und die damit verbundenen Energielevel.

    Checkliste für Ihren Arztbesuch: Welche Informationen und Unterlagen sind wichtig?

    Eine gute Vorbereitung auf den Arzttermin kann den diagnostischen Prozess erheblich erleichtern. Bringen Sie alle relevanten Informationen und Unterlagen mit, damit sich der Arzt ein umfassendes Bild machen kann. Dies spart Zeit und stellt sicher, dass alle wichtigen Aspekte berücksichtigt werden.

    • Vollständiges Symptomtagebuch: Idealerweise über mehrere Wochen geführt.
    • Vorerkrankungen und frühere Diagnosen: Eine Liste aller relevanten medizinischen Vorgeschichten.
    • Aktuelle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel: Eine detaillierte Aufstellung aller eingenommenen Substanzen.
    • Befunde von Voruntersuchungen: Ergebnisse von früheren Arztbesuchen, Laborwerten oder bildgebenden Verfahren.
    • Eine prägnante Zusammenfassung Ihrer Hauptbeschwerden: Fokussieren Sie sich auf die wichtigsten Symptome und deren Auswirkungen auf Ihren Alltag.
    • Fragen, die Sie dem Arzt stellen möchten: Notieren Sie sich alle Punkte, die Sie klären möchten.

    Die richtigen Fragen stellen: So kommunizieren Sie Ihre Beschwerden effektiv

    Die Kommunikation Ihrer komplexen und oft unsichtbaren Beschwerden kann eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, klar und präzise zu formulieren, was Sie erleben. Konzentrieren Sie sich auf die Kernsymptome und deren gravierende Auswirkungen auf Ihren Alltag, um Missverständnisse zu vermeiden und sicherzustellen, dass der Arzt die Schwere Ihrer Situation versteht. Betonen Sie insbesondere die Post-Exertional Malaise (PEM), da dies ein Schlüsselmerkmal von ME/CFS ist.

    Formulieren Sie Ihre Symptome so konkret wie möglich: Statt "Ich bin müde" sagen Sie "Ich habe eine tiefe, lähmende Erschöpfung, die sich auch nach Ruhe nicht bessert und nach geringster Anstrengung extrem zunimmt". Beschreiben Sie, wie die Fatigue Ihren Alltag einschränkt: "Ich kann nur noch wenige Stunden am Tag aufrecht sitzen" oder "Ich bin nicht mehr in der Lage, meinen Beruf auszuüben". Erklären Sie, dass die PEM oft verzögert auftritt und Tage oder sogar Wochen anhalten kann, was sie von normaler Erschöpfung unterscheidet.

    Die Ausschlussdiagnostik: Andere Erkrankungen verstehen

    Das große Blutbild und darüber hinaus: Welche Laborwerte wirklich Aussagekraft haben

    Laboruntersuchungen spielen eine entscheidende Rolle in der Ausschlussdiagnostik von ME/CFS. Sie dienen dazu, andere Erkrankungen zu identifizieren oder auszuschließen, die ähnliche Symptome wie chronische Erschöpfung verursachen können. Es ist wichtig zu verstehen, dass es keinen spezifischen Bluttest gibt, der ME/CFS direkt nachweisen kann. Die Laborwerte sind vielmehr Werkzeuge, um andere Ursachen für Ihre Beschwerden zu finden.

    • Standard-Bluttests: Dazu gehören ein großes Blutbild (zur Überprüfung von Anämie, Infektionen), Entzündungswerte (CRP, BSG), Leber- und Nierenwerte, Schilddrüsenhormone (TSH, fT3, fT4) sowie der Status von Vitaminen wie B12 und D. Diese grundlegenden Tests helfen, häufige Ursachen für Müdigkeit aufzudecken.
    • Spezifischere Tests: Je nach Symptomatik können weitere Untersuchungen notwendig sein, um Differentialdiagnosen auszuschließen. Dazu zählen Tests auf Autoimmunerkrankungen (z.B. ANA-Screening), chronische Infektionen (z.B. EBV-Serologie, Borrelien-Antikörper), Zöliakie-Antikörper oder auch Hormonspiegel (z.B. Cortisol).

    Neurologische, endokrine und rheumatologische Spurensuche: Ein Überblick der Differentialdiagnosen

    Bei Verdacht auf ME/CFS ist es unerlässlich, eine Reihe von Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Diese Differentialdiagnosen erstrecken sich über verschiedene medizinische Fachbereiche, und eine sorgfältige Abgrenzung ist entscheidend für die korrekte Diagnose. Die systematische Untersuchung dieser Bereiche ist ein Kernstück der Ausschlussdiagnostik.

    Fachbereich Beispiele für Differentialdiagnosen
    Psychiatrisch Schwere Depression, Angststörungen, Somatisierungsstörungen
    Neurologisch Multiple Sklerose (MS), Parkinson-Krankheit, Myasthenia gravis, Epilepsie
    Endokrinologisch Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), Nebenniereninsuffizienz (Morbus Addison), Diabetes mellitus, Hyperprolaktinämie
    Infektiologisch Chronische Borreliose, Zustand nach Virusinfektionen (z.B. EBV, CMV), HIV-Infektion, Hepatitis C
    Rheumatologisch/Immunologisch Systemischer Lupus erythematodes (SLE), Rheumatoide Arthritis, Sjögren-Syndrom, Sarkoidose
    Onkologisch Nicht diagnostizierte Krebserkrankungen (Lymphome, Leukämien, solide Tumore)
    Schlafmedizinisch Schlafapnoe-Syndrom, Narkolepsie, Restless-Legs-Syndrom

    Wenn der Körper streikt: Funktionstests zur Objektivierung Ihrer Symptome (z. B. Kipptisch-Test)

    Neben Laboruntersuchungen und der klinischen Beurteilung können spezielle Funktionstests dazu beitragen, Symptome zu objektivieren oder bestimmte Erkrankungen auszuschließen. Diese Tests sind besonders wichtig, um die oft schwer messbaren Beeinträchtigungen bei ME/CFS greifbar zu machen. Sie liefern objektive Daten, die die subjektiven Beschwerden untermauern.

    • Kipptisch-Untersuchung: Dieser Test wird eingesetzt, um eine orthostatische Intoleranz (z.B. POTS Posturales Tachykardiesyndrom) zu diagnostizieren, bei der es zu einem starken Blutdruck- oder Pulsabfall beim Aufstehen kommt, was zu Schwindel und Ohnmacht führen kann.
    • Schlaflabor (Polysomnographie): Dient dem Ausschluss primärer Schlafstörungen wie Schlafapnoe oder Narkolepsie, die ebenfalls zu Tagesmüdigkeit führen können.
    • Neuropsychologische Tests: Diese Tests können kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme oder verlangsamte Reaktionszeiten objektiv erfassen und quantifizieren.
    • Belastungstests (z.B. 6-Minuten-Gehtest): Können zur Beurteilung der körperlichen Belastbarkeit und zur Dokumentation von Symptomverschlechterungen nach Anstrengung eingesetzt werden, sind aber bei ME/CFS mit Vorsicht zu genießen, um PEM nicht auszulösen.

    Die Rolle der Psyche: Warum die Abgrenzung zu Depression und Angststörung so entscheidend ist

    Eine der größten Herausforderungen bei der Diagnose von ME/CFS ist die klare Abgrenzung zu primär psychischen Erkrankungen wie schweren Depressionen oder Angststörungen. Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass ME/CFS keine psychische Erkrankung ist, sondern eine organische, körperliche Erkrankung. Chronische körperliche Krankheiten können jedoch sekundär psychische Auswirkungen haben, wie z.B. depressive Verstimmungen oder Angstzustände, die aus der ständigen Krankheitslast und der Einschränkung der Lebensqualität resultieren. Die Diagnose muss daher sicherstellen, dass die Erschöpfung und die anderen Symptome nicht primär psychisch bedingt sind, sondern auf eine spezifische neurologische, immunologische oder metabolische Dysfunktion zurückzuführen sind.

    Post-Exertional Malaise Grafik

    Internationale Diagnose-Kriterien: Was ME/CFS definiert

    Das Kardinalsymptom: Was genau ist Post-Exertional Malaise (PEM)?

    Post-Exertional Malaise (PEM) ist das charakteristischste und oft quälendste Symptom von ME/CFS. Es beschreibt eine unverhältnismäßige und oft verzögerte Verschlechterung des Zustands nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung. Diese Verschlechterung tritt typischerweise 12 bis 48 Stunden nach der Belastung auf und kann Tage, Wochen oder sogar länger andauern. PEM ist nicht einfach nur Müdigkeit; es ist eine drastische Verschlechterung aller Symptome, die die Betroffenen oft für lange Zeit außer Gefecht setzt. Die genaue Vermeidung von PEM durch sorgfältiges Energiemanagement (Pacing) ist zentral für das Management der Erkrankung.

    Die kanadischen Konsensus-Kriterien (CCC) im Detail erklärt

    Die Kanadischen Konsensus-Kriterien (CCC) sind ein weit verbreiteter Standard zur Diagnose von ME/CFS. Sie sind detailliert und berücksichtigen die Komplexität der Erkrankung. Die Erfüllung dieser Kriterien hilft, eine fundierte Diagnose zu stellen und die Krankheit von anderen Erschöpfungszuständen abzugrenzen.

    • Fatigue: Eine tiefgreifende, lähmende Erschöpfung, die neu aufgetreten ist oder eine signifikante Verschlechterung darstellt, neu aufgetreten ist oder eine signifikante Verschlechterung darstellt, die mindestens 6 Monate anhält und nicht durch Ruhe gelindert wird.
    • Post-Exertional Malaise (PEM): Eine deutliche Verschlechterung der Symptome nach körperlicher oder geistiger Anstrengung.
    • Schlafstörungen: Nicht erholsamer Schlaf, Einschlaf- oder Durchschlafstörungen.
    • Kognitive Beeinträchtigungen: Probleme mit Konzentration, Gedächtnis und Informationsverarbeitung ("Brain Fog").
    • Schmerzen: Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen oder Halsschmerzen.
    • Symptome aus mindestens zwei der folgenden Kategorien:
      • Autonome Dysfunktion: Orthostatische Intoleranz, Herzrasen, Verdauungsprobleme, Blasenfunktionsstörungen.
      • Neuroendokrine Manifestationen: Temperaturregulationsstörungen, hormonelle Dysbalancen.
      • Immunologische Manifestationen: Häufige Infektionen, geschwollene Lymphknoten.

    SEID und die IOM-Kriterien: Ein modernerer Blick auf die Erkrankung

    Die Kriterien des Institute of Medicine (IOM) aus dem Jahr 2015, die die Krankheit als "Systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung" (SEID) bezeichnen, stellen eine modernere Herangehensweise dar. Sie fokussieren sich auf die Kernkomponenten von ME/CFS und sind oft einfacher anzuwenden. Diese Kriterien betonen die zentrale Rolle der Belastungsintoleranz.

    • Erhebliche Reduzierung oder Beeinträchtigung der Fähigkeit, berufsbezogene, bildungsbezogene, soziale oder persönliche Aktivitäten auszuüben, die länger als 6 Monate andauert und mit Fatigue einhergeht. Diese Reduzierung muss mindestens 50% der vorherigen Aktivitätslevel betragen.
    • Post-Exertional Malaise (PEM): Zustandsverschlechterung nach Anstrengung.
    • Nicht erholsamer Schlaf: Schlaf, der keine Erholung bringt.
    • Entweder:
      • Kognitive Beeinträchtigungen ("Brain Fog")
      • Oder: Orthostatische Intoleranz (z.B. POTS)

    Wie lange muss ich warten? Die 6-Monats-Regel und ihre Bedeutung

    Die sogenannte 6-Monats-Regel ist ein wichtiger Bestandteil vieler Diagnosekriterien für ME/CFS, einschließlich der IOM-Kriterien. Sie besagt, dass die Hauptsymptome, insbesondere die Fatigue und die daraus resultierende Einschränkung der Aktivität, seit mindestens sechs Monaten bestehen müssen. Diese Zeitspanne ist entscheidend, um die Chronizität der Erkrankung zu beurteilen und akute, vorübergehende Zustände auszuschließen. Sie gibt dem Körper und dem Immunsystem die Zeit, sich zu zeigen, und ermöglicht es dem Arzt, andere kurzfristige Ursachen für die Erschöpfung zu identifizieren und auszuschließen.

    Die richtigen Ansprechpartner finden: Ärzte und Spezialisten

    Der Hausarzt als Koordinator: Die zentrale Rolle in der Basisdiagnostik

    Ihr Hausarzt ist in der Regel der erste und wichtigste Ansprechpartner auf dem Weg zur Diagnose von ME/CFS. Er oder sie kennt Ihre allgemeine Krankengeschichte und kann die notwendigen Basisuntersuchungen einleiten. Der Hausarzt spielt eine entscheidende Rolle als Koordinator des gesamten diagnostischen Prozesses. Er wird die erste Anamnese erheben, grundlegende Laboruntersuchungen veranlassen und bei Bedarf Überweisungen zu spezialisierten Fachärzten ausstellen, um andere Erkrankungen auszuschließen.

    Wann der Neurologe, Immunologe oder Kardiologe gefragt ist

    Da ME/CFS ein komplexes Krankheitsbild ist, das verschiedene Körpersysteme betreffen kann, sind oft die Expertise von Spezialisten gefragt. Die Überweisung an den richtigen Facharzt ist entscheidend für eine umfassende Abklärung.

    • Neurologen: Werden hinzugezogen, wenn neurologische Symptome wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen, Taubheitsgefühle oder kognitive Probleme im Vordergrund stehen. Sie helfen, Erkrankungen wie Multiple Sklerose auszuschließen.
    • Immunologen/Rheumatologen: Sind wichtig, um Autoimmunerkrankungen oder andere immunologische Störungen auszuschließen, die ebenfalls chronische Erschöpfung verursachen können.
    • Endokrinologen: Werden bei Verdacht auf hormonelle Störungen (z.B. Schilddrüsen-, Nebennieren- oder Sexualhormonprobleme) konsultiert.
    • Kardiologen: Sind relevant, wenn Herz-Kreislauf-Probleme wie Herzrasen, Blutdruckschwankungen oder orthostatische Intoleranz (z.B. POTS) vorliegen.
    • Psychiater/Psychosomatiker: Werden zur Abgrenzung von primär psychischen Erkrankungen und zur Behandlung von Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Angststörungen eingesetzt.

    Spezialisierte Ambulanzen und Zentren in Deutschland: Wo finden Sie Hilfe?

    Obwohl die Zahl begrenzt ist, gibt es in Deutschland einige spezialisierte Zentren und Ambulanzen, die über besondere Erfahrung in der Diagnose und Behandlung von ME/CFS verfügen. Diese Zentren können eine wertvolle Anlaufstelle sein, insbesondere wenn die Diagnose trotz Bemühungen des Hausarztes und anderer Spezialisten schwierig bleibt. Die Suche nach solchen spezialisierten Anlaufstellen kann sich lohnen, auch wenn die Wartezeiten oft lang sind. Beispiele hierfür sind die Charité in Berlin oder das Klinikum rechts der Isar in München. Es ist ratsam, sich frühzeitig über deren Aufnahmebedingungen und Wartelisten zu informieren.

    Nach der Diagnose: Erste Schritte und Perspektiven

    Von der Akzeptanz zur Handlung: Erste Schritte nach der Diagnosestellung

    Die Stellung der Diagnose ME/CFS kann für Betroffene eine Mischung aus Erleichterung und Überforderung bedeuten. Einerseits ist da die Bestätigung, dass die Beschwerden real sind und eine Erklärung haben. Andererseits beginnt nun der Prozess der Akzeptanz einer chronischen Erkrankung, die das Leben nachhaltig verändern wird. Nehmen Sie sich Zeit für diese emotionale Verarbeitung. Sprechen Sie mit Angehörigen, Freunden oder suchen Sie den Austausch in Selbsthilfegruppen. Die wichtigste erste Handlung ist, die Diagnose als Grundlage für Ihr weiteres Vorgehen zu begreifen.

    Warum die Diagnose kein Endpunkt, sondern der Startpunkt für das Management ist

    Es ist entscheidend zu verstehen, dass die Diagnose ME/CFS nicht das Ende Ihrer Reise ist, sondern vielmehr der Beginn eines neuen Kapitels im aktiven Management Ihrer Gesundheit. Sie ist der Schlüssel, um die richtigen Strategien zu entwickeln und gezielt auf Ihre Bedürfnisse einzugehen. Ohne eine klare Diagnose ist es schwierig, effektive Maßnahmen zu ergreifen. Mit der Diagnose erhalten Sie die Erlaubnis und die Grundlage, sich auf das Symptommanagement zu konzentrieren und Ihre Lebensqualität schrittweise zu verbessern.

    Pacing und Energiemanagement als direkte Konsequenz der Diagnose

    Eine der wichtigsten Erkenntnisse und direkten Konsequenzen nach der Diagnose ME/CFS ist die Notwendigkeit von Pacing und Energiemanagement. Pacing bedeutet, Ihre körperlichen, geistigen und emotionalen Aktivitäten so zu planen und zu dosieren, dass Sie Ihre individuellen Energiereserven nicht überschreiten. Ziel ist es, die gefürchtete Post-Exertional Malaise (PEM) zu vermeiden und Ihren Zustand zu stabilisieren. Dies erfordert oft eine radikale Umgestaltung des Alltags und ein tiefes Verständnis für die eigenen Grenzen. Es ist ein aktiver Prozess, der darauf abzielt, mehr Stabilität und Kontrolle über die Erkrankung zu gewinnen.

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    Manfred Bruns

    Manfred Bruns

    Ich bin Manfred Bruns und bringe über 15 Jahre Erfahrung im Bereich Gesundheit mit. In dieser Zeit habe ich umfassende Kenntnisse in der Prävention, Gesundheitsförderung und der ganzheitlichen Medizin erworben. Mein akademischer Hintergrund in Gesundheitswissenschaften sowie meine kontinuierliche Weiterbildung in verschiedenen Therapieansätzen ermöglichen es mir, fundierte und evidenzbasierte Informationen zu vermitteln. Meine Spezialisierung liegt in der Aufklärung über gesunde Lebensweisen und die Bedeutung von Prävention für ein langes, erfülltes Leben. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine Gesundheit aktiv zu gestalten, und ich setze mich dafür ein, diese Botschaft zu verbreiten. Durch meine Artikel auf dieser Plattform möchte ich Leserinnen und Leser dazu inspirieren, informierte Entscheidungen zu treffen und ihre Gesundheit in die eigene Hand zu nehmen. Ich lege großen Wert auf die Genauigkeit und Verlässlichkeit der Informationen, die ich teile. Mein Ziel ist es, eine vertrauensvolle Quelle für alle zu sein, die sich für ihre Gesundheit interessieren und nach praktischen Tipps und wissenschaftlich fundierten Ratschlägen suchen.

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