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Manfred Bruns

Manfred Bruns

27. September 2025

Sichelzellanämie Diagnose: Labor, Tests & Gentest erklärt

Sichelzellanämie Diagnose: Labor, Tests & Gentest erklärt

Inhaltsverzeichnis

Die Sichelzellanämie ist eine der häufigsten genetischen Blutkrankheiten weltweit. Sie wird durch eine Mutation im Hämoglobin-Gen verursacht, was dazu führt, dass die roten Blutkörperchen unter bestimmten Bedingungen eine sichelförmige Gestalt annehmen. Diese veränderten Zellen können Blutgefäße verstopfen und zu einer Vielzahl von gesundheitlichen Problemen führen. Eine präzise und frühzeitige Labordiagnostik ist daher von entscheidender Bedeutung, um die Krankheit zu erkennen, Komplikationen zu vermeiden und die bestmögliche Behandlung für die Betroffenen zu gewährleisten. Für Patienten und ihre Angehörigen bedeutet eine gesicherte Diagnose oft Klarheit und die Möglichkeit, proaktiv mit der Erkrankung umzugehen.

Die Labordiagnostik der Sichelzellanämie: Ein mehrstufiger Prozess von Screening bis Gentest

  • Die Diagnose beginnt oft mit dem Neugeborenenscreening, das seit 2021 in Deutschland Pflicht ist, oder bei klinischem Verdacht.
  • Erste Hinweise liefert das hämatologische Basislabor, welches Anämie und Hämolysezeichen aufzeigt.
  • Die Hämoglobin-Analyse mittels HPLC oder Kapillarelektrophorese ist entscheidend zur Bestätigung und Differenzierung der Hämoglobin-Typen.
  • Molekulargenetische Tests (DNA-Analyse) sichern die Diagnose ab und bestimmen den Genotyp exakt.
  • Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist essenziell für die Prävention von Komplikationen und eine effektive Therapie.

Labordiagnostik Sichelzellanämie Blutprobe

Frühzeitige Erkennung: Warum die Labordiagnostik bei Sichelzellanämie Leben retten kann

Was ist Sichelzellanämie und wieso ist das Labor der Schlüssel zur Diagnose?

Die Sichelzellanämie ist eine vererbbare Erkrankung, bei der das Hämoglobin das Protein in den roten Blutkörperchen, das Sauerstoff transportiert verändert ist. Statt der üblichen flexiblen, runden Form nehmen die roten Blutkörperchen unter Sauerstoffmangel eine steife, sichelförmige Gestalt an. Diese Sichelzellen können den Blutfluss behindern, Organe schädigen und starke Schmerzen verursachen. Da die Symptome einer Sichelzellanämie oft unspezifisch sind und denen anderer Erkrankungen ähneln können, ist eine sichere Diagnose durch das Labor unerlässlich. Nur laborgestützte Tests können die Sichelzellanämie eindeutig identifizieren und von anderen Krankheitsbildern abgrenzen.

Die Bedeutung des Neugeborenenscreenings: Ein Meilenstein in Deutschland

Seit dem 1. September 2021 ist das erweiterte Neugeborenenscreening auf Sichelzellkrankheit in Deutschland eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Dies markiert einen bedeutenden Fortschritt in der Früherkennung. Bei diesem Screening wird wenige Tage nach der Geburt eine kleine Blutprobe des Neugeborenen auf eine spezielle Trockenblutkarte entnommen. Mittels hochsensibler Methoden wie der Tandem-Massenspektrometrie oder der Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) wird diese Probe auf auffällige Hämoglobin-Varianten untersucht, insbesondere auf das krankheitsauslösende Hämoglobin S (HbS). Die frühe Erkennung ermöglicht es, sofort mit präventiven Maßnahmen und einer angepassten Therapie zu beginnen, bevor schwere Komplikationen auftreten.

Die Hauptvorteile des Neugeborenenscreenings sind:

  • Frühestmögliche Diagnose: Noch bevor erste Symptome auftreten.
  • Prävention von Komplikationen: Ermöglicht rechtzeitige Impfungen und medikamentöse Prophylaxe (z.B. Penicillin).
  • Optimierte Therapieplanung: Individuelle Behandlungsstrategien können frühzeitig etabliert werden.
  • Familiäre Aufklärung: Bietet Eltern die Möglichkeit, sich über die Vererbung und den Umgang mit der Krankheit zu informieren.

Die ersten Hinweise: Was das Blutbild und der Blutausstrich über Sichelzellanämie verraten

Anämie, Hämolyse & Co. : Die ersten Hinweise im kleinen Blutbild

Das sogenannte kleine Blutbild, das routinemäßig im hämatologischen Labor durchgeführt wird, liefert oft die ersten wichtigen Anhaltspunkte für eine Sichelzellanämie. Typischerweise zeigt sich eine normochrome, normozytäre Anämie, das heißt, die roten Blutkörperchen sind normal gefärbt und von normaler Größe, aber es gibt zu wenige davon. Darüber hinaus deuten erhöhte Werte für Bilirubin und Laktatdehydrogenase (LDH) sowie eine Zunahme der Retikulozyten (unreife rote Blutkörperchen) auf eine gesteigerte Zerstörung der roten Blutkörperchen hin, eine sogenannte Hämolyse. Diese Befunde sind zwar charakteristisch für eine Sichelzellanämie, aber nicht spezifisch, da sie auch bei anderen hämolytischen Anämien auftreten können. Sie signalisieren jedoch dringenden Handlungsbedarf für weiterführende spezifische Tests.

Die Suche nach der Sichel: Mikroskopische Untersuchung des Blutausstrichs

Ein weiterer wichtiger Schritt in der initialen Diagnostik ist die mikroskopische Untersuchung eines gefärbten Ausstrichs des peripheren Blutes. Hierbei kann der erfahrene Laborant oder Arzt die namensgebenden Sichelzellen unter dem Mikroskop erkennen. Diese sichel- oder halbmondförmigen Erythrozyten sind das morphologische Kennzeichen der Erkrankung. Besonders gut lassen sich diese deformierten Zellen nachweisen, wenn dem Blut im Labor Sauerstoff entzogen wird, was die Sichelbildung provoziert. Früher war der sogenannte "Sichelzelltest" mit Natriumdithionit eine gängige Methode, um die Sichelungsneigung zu demonstrieren. Heute spielt diese direkte morphologische Untersuchung im Blutausstrich eher eine ergänzende Rolle, da die spezifischeren Hämoglobin-Analysen im Vordergrund stehen.

Hämoglobin-Elektrophorese HPLC Ergebnis Sichelzellanämie

Die definitive Antwort: Wie die Hämoglobin-Analyse die Sichelzellanämie bestätigt

HPLC und Kapillarelektrophorese: Wie Hämoglobin-Varianten sichtbar gemacht werden

Die entscheidenden Methoden zur Bestätigung und Differenzierung der Sichelzellanämie sind die Hämoglobin-Analyse mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) oder Kapillarelektrophorese. Diese biochemischen Verfahren trennen die verschiedenen Hämoglobin-Varianten, die im Blut eines Patienten vorhanden sind, basierend auf ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften wie Ladung und Größe. Die HPLC beispielsweise nutzt eine stationäre Phase, die mit unterschiedlicher Affinität auf die verschiedenen Hämoglobin-Typen wirkt, während die Kapillarelektrophorese die Trennung durch Anlegen eines elektrischen Feldes in einer dünnen Kapillare bewirkt. Beide Methoden sind hochpräzise und quantitativ, das heißt, sie können nicht nur die vorhandenen Hämoglobin-Typen identifizieren, sondern auch deren exakte Anteile im Blut bestimmen.

HbS, HbA, HbF: Die entscheidenden Werte und ihre Interpretation

Die Interpretation der Ergebnisse der Hämoglobin-Analyse konzentriert sich auf die Quantifizierung verschiedener Hämoglobin-Typen:

Hämoglobin-Typ Bedeutung/Interpretation
HbA (Hämoglobin A) Das normale, adulte Hämoglobin. Bei gesunden Personen der Hauptbestandteil.
HbA2 (Hämoglobin A2) Ein normales, aber mengenmäßig geringeres Hämoglobin. Erhöhte Werte sind typisch für eine β-Thalassämie.
HbF (Hämoglobin Fötal) Das Hämoglobin des Fötus. Normalerweise nur noch in geringen Mengen nach der Geburt vorhanden, kann aber bei bestimmten Hämoglobinopathien erhöht sein.
HbS (Hämoglobin S) Das krankheitsauslösende Hämoglobin bei Sichelzellanämie. Seine Anwesenheit ist der Schlüssel zur Diagnose.

Vom Sichelzellmerkmal (HbAS) zur Sichelzellanämie (HbSS): Was die Ergebnisse bedeuten

Die Ergebnisse der Hämoglobin-Analyse erlauben eine klare Unterscheidung zwischen dem Sichelzellmerkmal und der manifesten Sichelzellanämie. Bei Personen mit dem Sichelzellmerkmal (HbAS) liegt eine heterozygotie vor: Sie haben ein normales HbA-Molekül von einem Elternteil und ein krankhaftes HbS-Molekül vom anderen. In der Regel sind sie symptomfrei oder zeigen nur milde Beschwerden unter extremen Bedingungen. Die reine Sichelzellanämie (HbSS) hingegen bedeutet, dass die Person von beiden Elternteilen die Mutation für HbS geerbt hat (homozygotie). Dies führt zur Produktion von fast ausschließlich HbS und damit zu den schweren klinischen Symptomen der Erkrankung. Auch kombinierte Formen wie die HbSC-Krankheit (HbS und HbC) oder Sichel-β-Thalassämie sind durch die Analyse identifizierbar.

DNA Analyse Gentest Sichelzellanämie

Wenn Klarheit gefragt ist: Molekulargenetische Tests zur Bestätigung der Sichelzellanämie

DNA-Analyse: Die endgültige Bestätigung direkt aus dem Erbgut

In bestimmten Fällen, insbesondere wenn die Ergebnisse der Hämoglobin-Analyse nicht eindeutig sind oder eine präzise genetische Bestimmung erforderlich ist, kommt die molekulargenetische Untersuchung zum Einsatz. Diese DNA-Analyse ist die ultimative Methode zur Absicherung der Diagnose. Sie analysiert direkt die Erbsubstanz des Patienten und identifiziert die spezifische Punktmutation im Beta-Globin-Gen (HBB-Gen), die für die Produktion des krankhaften Hämoglobin S verantwortlich ist. Dadurch kann der Genotyp exakt bestimmt und die Diagnose mit höchster Sicherheit bestätigt werden.

Wann ist ein Gentest unverzichtbar?

Ein molekulargenetischer Test ist in mehreren Situationen besonders wichtig:

  • Bei unklaren oder grenzwertigen Ergebnissen der Hämoglobin-Analyse, um eine sichere Diagnose zu stellen.
  • Im Rahmen der Pränataldiagnostik, um das Risiko einer Vererbung der Sichelzellanämie beim ungeborenen Kind festzustellen.
  • Für die genetische Beratung und Familienplanung, um Paaren mit Kinderwunsch die Risiken aufzuzeigen.
  • Zur genauen Unterscheidung von komplexen kombinierten Hämoglobinopathien.
  • Bei Verdacht auf seltene Hämoglobin-Varianten, die mit Standardmethoden schwer zu erfassen sind.

Unterscheidung komplexer Fälle: Sichel-β-Thalassämie und andere kombinierte Formen

Die Sichelzellanämie ist nicht immer eine reine HbSS-Erkrankung. Es gibt komplexere Formen, bei denen die Mutation für HbS mit anderen Hämoglobin-Anomalien kombiniert auftritt. Ein klassisches Beispiel ist die Sichel-β-Thalassämie, bei der neben dem HbS-Gen auch eine Mutation vorliegt, die die Produktion von normalem Hämoglobin A stark reduziert. Ebenso wichtig ist die Unterscheidung von der HbSC-Krankheit, bei der eine Mutation für HbS und eine für HbC vorliegen. Diese kombinierten Formen können einen deutlich anderen klinischen Verlauf und ein anderes Spektrum an Komplikationen aufweisen als die reine Sichelzellanämie. Die molekulargenetische Analyse ist hier unerlässlich, um die exakten genetischen Defekte zu identifizieren und eine darauf abgestimmte Therapie zu ermöglichen.

Lesen Sie auch: Sjögren-Syndrom Diagnose: Symptome, Tests & Kriterien

Der Weg zur Diagnose: Ein strukturierter Überblick über den diagnostischen Pfad bei Sichelzellanämie

Schritt-für-Schritt: Wie Ärzte und Labore zusammenarbeiten

Der diagnostische Weg zur Identifizierung der Sichelzellanämie ist ein mehrstufiger Prozess, der eine enge Zusammenarbeit zwischen klinischer Verdachtsdiagnose und spezialisierter Labordiagnostik erfordert:

  1. Screening oder Klinischer Verdacht: Bei Neugeborenen erfolgt das standardisierte Screening. Bei älteren Kindern oder Erwachsenen entsteht der Verdacht aufgrund von Symptomen wie unklaren Schmerzkrisen, Anämie, Ikterus oder einer bekannten familiären Vorbelastung.
  2. Hämatologisches Basislabor: Eine Blutentnahme zur Untersuchung des kleinen Blutbildes, der Retikulozytenzahl und von Hämolyseparametern (Bilirubin, LDH). Hier werden erste Hinweise auf eine Anämie und/oder Hämolyse gewonnen.
  3. Mikroskopischer Blutausstrich: Suche nach Sichelzellen unter dem Mikroskop, um die morphologische Bestätigung zu erhalten.
  4. Hämoglobin-Analyse: Die entscheidende Methode mittels HPLC oder Kapillarelektrophorese zur Identifizierung und Quantifizierung der verschiedenen Hämoglobin-Typen (HbA, HbS, HbF etc.). Dies bestätigt die Diagnose und differenziert zwischen Merkmalsträgern und Erkrankten.
  5. Molekulargenetische Untersuchung (optional): Bei unklaren Ergebnissen, zur Pränataldiagnostik oder zur genauen Genotyp-Bestimmung wird eine DNA-Analyse durchgeführt.

Dieser strukturierte Ansatz stellt sicher, dass alle notwendigen Informationen gesammelt werden, um eine präzise und verlässliche Diagnose zu stellen.

Was passiert nach einem positiven Testergebnis?

Ein gesichertes positives Testergebnis für Sichelzellanämie ist der Beginn eines neuen Kapitels für den Patienten und seine Familie. Es leitet umgehend weitere Schritte ein, die eine spezialisierte medizinische Betreuung umfassen. Dazu gehören regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Hämatologen oder in spezialisierten Zentren, die Aufklärung über die Krankheit und ihre möglichen Komplikationen sowie die Einleitung präventiver Maßnahmen. Dazu zählen oft Impfungen gegen bestimmte bakterielle Infektionen und die medikamentöse Prophylaxe mit Penicillin, besonders bei Kindern. Auch die Beratung zu Lebensstiländerungen und die Besprechung von Behandlungsoptionen, die von symptomatischer Therapie bis hin zu potenziellen Heilverfahren wie der Stammzelltransplantation reichen können, sind zentrale Bestandteile der Nachsorge. Eine frühzeitige und umfassende Betreuung ist der Schlüssel zu einem möglichst gesunden und erfüllten Leben mit Sichelzellanämie.

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Manfred Bruns

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Ich bin Manfred Bruns und bringe über 15 Jahre Erfahrung im Bereich Gesundheit mit. In dieser Zeit habe ich umfassende Kenntnisse in der Prävention, Gesundheitsförderung und der ganzheitlichen Medizin erworben. Mein akademischer Hintergrund in Gesundheitswissenschaften sowie meine kontinuierliche Weiterbildung in verschiedenen Therapieansätzen ermöglichen es mir, fundierte und evidenzbasierte Informationen zu vermitteln. Meine Spezialisierung liegt in der Aufklärung über gesunde Lebensweisen und die Bedeutung von Prävention für ein langes, erfülltes Leben. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine Gesundheit aktiv zu gestalten, und ich setze mich dafür ein, diese Botschaft zu verbreiten. Durch meine Artikel auf dieser Plattform möchte ich Leserinnen und Leser dazu inspirieren, informierte Entscheidungen zu treffen und ihre Gesundheit in die eigene Hand zu nehmen. Ich lege großen Wert auf die Genauigkeit und Verlässlichkeit der Informationen, die ich teile. Mein Ziel ist es, eine vertrauensvolle Quelle für alle zu sein, die sich für ihre Gesundheit interessieren und nach praktischen Tipps und wissenschaftlich fundierten Ratschlägen suchen.

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