Polyneuropathie in den Füßen ist eine Erkrankung, bei der die Nerven in den Extremitäten geschädigt werden, was zu einer Vielzahl von unangenehmen Symptomen führt. Da die Füße die am weitesten vom Gehirn entfernten Gliedmaßen sind, sind sie oft die ersten und am stärksten betroffenen Bereiche. In diesem Artikel beleuchten wir die typischen Anzeichen, die häufigsten Ursachen und die wichtigsten Schritte zur Diagnose und Behandlung, damit Sie die Beschwerden besser verstehen und richtig darauf reagieren können.
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Polyneuropathie in den Füßen erkennen Die wichtigsten Symptome und ihre Bedeutung
- Sensible Störungen wie Kribbeln, Brennen und Taubheit sind häufige erste Anzeichen und beginnen oft an den Zehen.
- Im fortgeschrittenen Verlauf können motorische Symptome wie Muskelschwäche und Gangunsicherheit auftreten.
- Diabetes mellitus und chronischer Alkoholkonsum sind die häufigsten Ursachen für Polyneuropathie in Deutschland.
- Eine frühe und genaue Diagnose durch einen Neurologen ist entscheidend, um die Ursache zu finden und die Behandlung einzuleiten.
- Die Therapie zielt auf die Bekämpfung der Ursache, die Linderung von Schmerzen und die Verbesserung der Lebensqualität durch Physiotherapie ab.
- Tägliche Fußpflege, die Wahl passender Schuhe und gezielte Übungen sind essenziell für den Alltag mit Polyneuropathie.
Stellen Sie sich das periphere Nervensystem wie ein komplexes Netzwerk von "Datenkabeln" vor. Diese Kabel verbinden Ihr Gehirn und Rückenmark mit jedem Teil Ihres Körpers und leiten ständig Informationen weiter sei es die Empfindung einer Berührung, die Steuerung einer Muskelbewegung oder die Regulation innerer Organe. Ohne diese Signale könnte Ihr Körper nicht funktionieren.
Die Nervenbahnen, die bis in unsere Füße reichen, sind die längsten im gesamten Körper. Dies macht sie besonders anfällig für Schäden, denn sie sind anfälliger für schädliche Einflüsse, die sich über die Zeit ansammeln können. Wenn diese langen Nervenbahnen beeinträchtigt sind, äußern sich die Symptome typischerweise zuerst an den Füßen und breiten sich dann langsam nach oben aus. Das ist der Grund, warum die Füße oft die ersten sind, die Anzeichen einer Polyneuropathie zeigen.

Die häufigsten und oft auch ersten Anzeichen einer Polyneuropathie sind sensible Störungen. Dazu gehört ein unangenehmes Kribbeln, das viele Betroffene als "Ameisenlaufen" beschreiben. Ebenso typisch sind brennende oder stechende Schmerzen, die sich anfühlen können, als würden heiße Nadeln in die Haut stoßen. Viele Patienten berichten auch von Taubheitsgefühlen, als wären die Füße "eingeschlafen". Darüber hinaus kann die Wahrnehmung von Temperatur und Berührung verändert sein man spürt Wärme oder Kälte schlechter oder nimmt Berührungen nur noch gedämpft wahr. Charakteristisch ist, dass sich diese Symptome oft wie eine Socke über die Füße ziehen und von den Zehen oder der Fußsohle ausgehen.
Ein weiteres häufiges Gefühl ist, dass sich der Boden unter den Füßen seltsam anfühlt, als würde man auf Watte oder einem weichen Teppich laufen. Dieses gestörte Gefühl für die Position des eigenen Körpers im Raum, die sogenannte Propriozeption, beeinträchtigt die Gangsicherheit erheblich. Es fällt schwerer, den Untergrund richtig einzuschätzen, was zu Unsicherheit beim Gehen führt und das Risiko zu stürzen, gerade auf unebenem Gelände oder bei schlechten Lichtverhältnissen, deutlich erhöht.
Das sogenannte "Burning-Feet-Syndrom" ist eine besonders quälende Form neuropathischer Schmerzen. Hierbei leiden die Betroffenen unter intensiven, oft unerträglichen brennenden Schmerzen in den Füßen, die auch nachts auftreten und den Schlaf erheblich stören können. Die Ursache ist hierbei nicht äußerlich sichtbar, sondern liegt in der Nervenschädigung selbst.
Neben den Gefühlsstörungen können sich im fortgeschrittenen Stadium auch motorische Symptome bemerkbar machen. Dazu zählt eine zunehmende Muskelschwäche in den Füßen und Unterschenkeln, die das Anheben des Fußes erschwert. Auch unwillkürliche Muskelkrämpfe und ein sichtbarer Muskelschwund können auftreten. Diese Veränderungen machen sich im Gangbild bemerkbar, führen zu häufigerem Stolpern und erschweren das normale Abrollen des Fußes beim Gehen.
Autonome Symptome betreffen die unwillkürlichen Körperfunktionen und sind bei Polyneuropathie oft weniger offensichtlich, aber dennoch wichtig. An den Füßen kann sich dies durch sehr trockene, rissige Haut äußern, da die Schweißproduktion gestört ist. Auch Schwellungen der Füße sind möglich. Diese Hautveränderungen werden oft übersehen, bergen aber ein erhöhtes Risiko für Verletzungen und Infektionen, da die Haut ihre natürliche Schutzfunktion nicht mehr optimal erfüllen kann.
In Deutschland ist Diabetes mellitus die mit Abstand häufigste Ursache für eine Polyneuropathie. Man spricht dann von der diabetischen Polyneuropathie. Ein dauerhaft zu hoher Blutzuckerspiegel schädigt die kleinen Blutgefäße, die die Nerven versorgen, und greift die Nervenfasern direkt an. Dies führt im Laufe der Zeit zu einer schleichenden Nervenschädigung, die sich typischerweise an den Füßen bemerkbar macht.
Eine weitere bedeutende Ursache für Polyneuropathie ist chronischer Alkoholmissbrauch. Alkohol wirkt toxisch auf das Nervensystem und kann bei regelmäßigem und übermäßigem Konsum zu einer schmerzhaften Nervenschädigung führen. Diese Form der Polyneuropathie ist oft mit Mangelernährung verbunden, was die Nervenschädigung weiter verschärfen kann.
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 ist eine bekannte Ursache für Nervenschäden. Auch andere B-Vitamine spielen eine wichtige Rolle für die Nervengesundheit.
- Nieren- und Lebererkrankungen: Funktionsstörungen dieser Organe können zu einer Ansammlung von Giftstoffen im Körper führen, die die Nerven schädigen können.
- Infektionen: Bestimmte Infektionskrankheiten wie Borreliose (durch Zecken übertragen) können ebenfalls eine Polyneuropathie auslösen.
- Autoimmunerkrankungen: Bei diesen Erkrankungen greift das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Nerven an.
- Genetische Veranlagung: Es gibt auch erbliche Formen der Polyneuropathie.
Auch bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen. Dies betrifft beispielsweise Medikamente, die in der Chemotherapie zur Krebsbehandlung eingesetzt werden. Sie können zwar Tumorzellen abtöten, aber auch gesunde Nervenzellen schädigen.
Wenn Sie den Verdacht haben, an Polyneuropathie zu leiden, ist der erste Schritt der Gang zum Neurologen. Dort beginnt die Diagnostik mit einer ausführlichen Anamnese. Der Arzt wird Sie gezielt nach Ihren Symptomen befragen: Seit wann bestehen sie? Wie genau fühlen sie sich an? Wo treten sie auf und breiten sie sich aus? Auch Ihre medizinische Vorgeschichte, bestehende Erkrankungen wie Diabetes oder Schilddrüsenprobleme, Ihre Ernährungsgewohnheiten und Ihr Alkoholkonsum sind wichtige Informationen für den Arzt, um die mögliche Ursache einzugrenzen.
- Körperliche Untersuchung: Der Neurologe prüft Ihre Reflexe, indem er mit einem kleinen Gummihammer auf Ihre Sehnen schlägt. Er testet auch Ihr Gefühlsempfinden für Berührung, Temperatur und Vibration, oft mit einer Stimmgabel, und beurteilt die Kraft Ihrer Muskeln.
- Neurophysiologische Tests: Hierzu gehört die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), auch Elektoneurographie (ENG) genannt.
Bei der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit werden kleine Elektroden auf die Haut geklebt. Über eine Elektrode wird ein schwacher elektrischer Impuls abgegeben, der entlang des Nervs geleitet wird. Eine weitere Elektrode misst, wie schnell und wie stark dieser Impuls ankommt. So kann der Arzt feststellen, ob und wie stark die Nervenleitfähigkeit beeinträchtigt ist und welche Nerven betroffen sind.
Der absolut wichtigste Schritt zur Besserung einer Polyneuropathie ist die Bekämpfung der zugrunde liegenden Ursache. Wenn beispielsweise Diabetes die Ursache ist, muss der Blutzucker optimal eingestellt werden. Bei Alkoholmissbrauch ist der vollständige Verzicht auf Alkohol unerlässlich. Nur so kann eine weitere Schädigung der Nerven verhindert und unter Umständen eine Regeneration eingeleitet werden.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, insbesondere aus der Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und trizyklische Antidepressiva, haben sich als wirksam bei der Linderung neuropathischer Schmerzen erwiesen.
- Antiepileptika: Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden, wie Gabapentin und Pregabalin, sind ebenfalls häufig eingesetzte Mittel gegen Nervenschmerzen.
Neben der medikamentösen Therapie spielt die Physiotherapie eine entscheidende Rolle. Gezielte Übungen helfen, die verbliebene Muskulatur zu kräftigen und die Koordination zu verbessern. Ergotherapie unterstützt im Alltag, und moderate, angepasste Bewegung wie Spazierengehen oder Schwimmen hilft, die Beweglichkeit zu erhalten und die allgemeine Fitness zu fördern. Dies alles trägt dazu bei, die Lebensqualität trotz der Einschränkungen zu verbessern.

Besonders wichtig bei Polyneuropathie ist die tägliche, sorgfältige Fußinspektion. Da das Gefühl für Schmerz, Druck und Temperatur oft reduziert ist, können kleine Verletzungen, Schnitte oder Druckstellen unbemerkt bleiben und sich zu ernsthaften Problemen entwickeln. Nehmen Sie sich jeden Tag Zeit, Ihre Füße genau anzusehen, besonders die Zehenzwischenräume und die Fußsohlen, um Rötungen, Blasen oder Wunden frühzeitig zu erkennen.
- Passform: Schuhe sollten nicht zu eng sein und genügend Platz für die Zehen bieten, um Druckstellen zu vermeiden.
- Material: Weiches, atmungsaktives Material ist ideal, um Reizungen zu minimieren.
- Vermeidung von Nähten: Achten Sie auf Schuhe mit möglichst wenigen oder weichen Innen-Nähten, die scheuern könnten.
- Sohle: Eine gut gedämpfte Sohle kann den Auftrittskomfort erhöhen.
Regelmäßige, einfache Übungen können helfen, die Gangsicherheit zu verbessern und das Sturzrisiko zu senken. Probieren Sie diese zu Hause aus:
- Einbeinstand: Versuchen Sie, für einige Sekunden auf einem Bein zu stehen, halten Sie sich bei Bedarf leicht fest.
- Fersen- und Zehengang: Gehen Sie abwechselnd auf den Fersen und dann auf den Zehenspitzen einige Meter.
- Stand auf unebenem Untergrund: Üben Sie das Stehen auf einer weichen Matte oder einem Kissen (mit Vorsicht!).
- Gewichtsverlagerung: Stehen Sie auf beiden Füßen und verlagern Sie Ihr Gewicht langsam von einem Fuß auf den anderen.
Bei veränderter Temperaturwahrnehmung ist besondere Vorsicht bei Kälte- und Wärmeanwendungen geboten. Zu heiße oder zu kalte Bäder oder Heizkissen können unbemerkt zu Verbrennungen oder Erfrierungen führen. Wenn Sie unsicher sind, ob eine Anwendung für Ihre Füße geeignet ist, oder wenn Sie bereits Hautveränderungen haben, konsultieren Sie unbedingt Ihren Arzt oder Podologen, bevor Sie solche Maßnahmen ergreifen.
