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Sjögren-Syndrom Diagnose: Symptome, Tests & Kriterien

Manfred Bruns

Manfred Bruns

14. September 2025

Sjögren-Syndrom Diagnose: Symptome, Tests & Kriterien

Inhaltsverzeichnis

Das Sjögren-Syndrom ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die vor allem die exokrinen Drüsen betrifft, insbesondere die Tränen- und Speicheldrüsen. Die Folge sind oft quälende Trockenheitssymptome an Augen und Mund. Doch die Diagnose dieser Erkrankung ist leider oft ein komplexer und langwieriger Prozess. Die Symptome können vielfältig und unspezifisch sein, was die Erkennung erschwert und die Patienten oft auf eine lange Odyssee von Arzt zu Arzt schickt. Mit diesem Artikel möchte ich Ihnen einen umfassenden Leitfaden durch den diagnostischen Prozess des Sjögren-Syndroms an die Hand geben, um Klarheit zu schaffen und Ihnen oder Ihren Angehörigen die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen. Es ist mir wichtig, Ihnen zu zeigen, welche Schritte notwendig sind und warum jeder einzelne Befund für eine sichere Diagnose entscheidend ist.

Sjögren-Syndrom: Diagnose erfordert einen mehrstufigen Prozess durch spezialisierte Ärzte

  • Die Diagnose basiert auf den ACR/EULAR-Kriterien von 2016, die mindestens 4 Punkte erfordern, wobei subjektive Symptome wie trockene Augen oder ein trockener Mund vorliegen müssen.
  • Ein Rheumatologe koordiniert den diagnostischen Prozess, oft in Zusammenarbeit mit Augenärzten und HNO-Ärzten oder Zahnärzten.
  • Wichtige Tests umfassen Blutuntersuchungen (insbesondere Anti-SSA/Ro-Antikörper), augenärztliche Untersuchungen (z.B. Schirmer-Test, Anfärbetests) und Speicheltests (z.B. Sialometrie).
  • Die Lippenbiopsie, die eine fokale lymphozytäre Sialadenitis nachweist, ist ein entscheidender und aussagekräftiger Test für die endgültige Bestätigung der Diagnose.
  • Es wird zwischen dem primären Sjögren-Syndrom (eigenständig) und dem sekundären Sjögren-Syndrom (Begleiterkrankung) unterschieden, und wichtige Differenzialdiagnosen müssen ausgeschlossen werden.

Die Diagnose des Sjögren-Syndroms ist, wie ich aus meiner langjährigen Erfahrung weiß, tatsächlich eine Herausforderung und oftmals langwierig. Das liegt daran, dass die Beschwerden sehr vielfältig und unspezifisch sein können. Viele Patienten berichten zunächst über eine "einfache" Mund- oder Augentrockenheit, die sie zunächst nicht mit einer ernsthaften Erkrankung in Verbindung bringen. Doch diese Symptome können sich schleichend entwickeln und sind oft nur die Spitze des Eisbergs.

Die typischen ersten Warnzeichen gehen oft über die offensichtliche Trockenheit hinaus. Viele meiner Patienten klagen über chronische Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen oder ein allgemeines Krankheitsgefühl, das sich nicht erklären lässt. Auch Schwellungen der Speicheldrüsen, Hautausschläge oder Taubheitsgefühle in den Extremitäten können auf eine zugrunde liegende Autoimmunerkrankung hindeuten. Es ist entscheidend, diese unspezifischen Symptome ernst zu nehmen und nicht als Alterserscheinungen oder Stress abzutun.

Der Begriff "Sicca-Syndrom" beschreibt die Trockenheitssymptome, die beim Sjögren-Syndrom im Vordergrund stehen. Es betrifft jedoch nicht nur Augen und Mund. Tatsächlich kann die Trockenheit auch andere Schleimhäute im Körper betreffen, beispielsweise die Nase, den Rachen, die Luftröhre, die Scheide oder die Haut. Dies führt zu einer Vielzahl weiterer Beschwerden wie chronischem Husten, Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder wiederkehrenden vaginalen Infektionen. Das Sjögren-Syndrom ist eine systemische Erkrankung, die den gesamten Körper beeinflussen kann.

Die Wichtigkeit einer frühen Diagnose kann ich nicht genug betonen. Eine rechtzeitige Erkennung des Sjögren-Syndroms ist entscheidend, um Komplikationen wie schwere Augenentzündungen, Zahnverlust, Nervenschäden oder in seltenen Fällen sogar Lymphome vorzubeugen. Eine frühzeitige Behandlung kann die Symptome lindern, das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern.

Die Rolle der Fachärzte im Diagnoseprozess

Die Diagnose des Sjögren-Syndroms ist ein Teamwork. Verschiedene Fachärzte sind an diesem komplexen Prozess beteiligt, da die Erkrankung so viele unterschiedliche Bereiche des Körpers betreffen kann. Es ist wichtig, die jeweiligen Rollen zu verstehen, um den Überblick zu behalten.

Der Hausarzt ist oft die erste Anlaufstelle für Patienten mit unspezifischen Beschwerden. Er spielt eine wichtige Rolle dabei, die ersten Symptome zu erkennen und eine erste Einschätzung vorzunehmen. Bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung oder anhaltenden Trockenheitssymptomen sollte der Hausarzt umgehend eine Überweisung zu Spezialisten, insbesondere zu einem Rheumatologen, in die Wege leiten. Eine frühzeitige Überweisung kann entscheidende Zeit sparen.

Die koordinierende und führende Rolle im Diagnoseprozess des Sjögren-Syndroms übernimmt der Rheumatologe. Er ist der Spezialist für Autoimmunerkrankungen und verfügt über das umfassende Wissen, um die verschiedenen Befunde zu interpretieren und die komplexen diagnostischen Kriterien anzuwenden. Er wird nicht nur die Anamnese und körperliche Untersuchung durchführen, sondern auch alle weiteren Tests veranlassen und die Ergebnisse zusammenführen, um eine gesicherte Diagnose zu stellen oder auszuschließen.

Augenärzte und HNO-Ärzte (oder Zahnärzte) leisten ebenfalls spezifische und unverzichtbare Beiträge zur Diagnose. Der Augenarzt beurteilt die Augentrockenheit mittels spezieller Tests und kann Schäden an der Augenoberfläche feststellen. Der HNO-Arzt oder Zahnarzt wiederum konzentriert sich auf die Mundtrockenheit und die Funktion der Speicheldrüsen. Ihre spezialisierten Untersuchungen sind essenziell, um die objektiven Anzeichen der Drüsenfunktionsstörung zu erfassen.

Die ACR/EULAR-Klassifikationskriterien 2016: Ein Leitfaden zur Diagnose

Um die Diagnose des Sjögren-Syndroms zu standardisieren und zu objektivieren, wurden international anerkannte Klassifikationskriterien entwickelt. Die aktuell gültigen sind die ACR/EULAR-Kriterien von 2016. Sie sind ein zentrales diagnostisches Werkzeug, das dem Rheumatologen hilft, die verschiedenen Befunde systematisch zu bewerten.

Diese Kriterien funktionieren nach einem Punktesystem. Für eine gesicherte Diagnose des Sjögren-Syndroms müssen Patienten mindestens 4 Punkte erreichen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass immer auch subjektive Symptome wie trockene Augen oder ein trockener Mund vorliegen müssen. Die Kriterien berücksichtigen sowohl objektive Messwerte als auch die vom Patienten berichteten Beschwerden, um ein umfassendes Bild der Erkrankung zu erhalten.

Das Zusammenspiel von objektiven Befunden aus den verschiedenen Tests und den subjektiven Beschwerden des Patienten ist bei der Anwendung der Kriterien von größter Bedeutung. Es reicht nicht aus, nur einen positiven Blutwert zu haben, wenn keine Trockenheitssymptome vorliegen. Umgekehrt sind starke Trockenheitssymptome allein nicht ausreichend, wenn keine objektiven Anzeichen der Drüsenfunktionsstörung oder spezifische Antikörper nachweisbar sind. Nur die Kombination beider Aspekte führt zu einer sicheren Diagnose.

Wichtige diagnostische Tests

Blutuntersuchungen: Suche nach Autoantikörpern

Bluttests sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Sjögren-Diagnose. Sie geben Aufschluss über das Vorhandensein von Autoantikörpern, die typischerweise bei Autoimmunerkrankungen auftreten. Der Rheumatologe wird eine Reihe spezifischer Blutuntersuchungen anordnen, um relevante Marker zu identifizieren.

Besonders wichtig sind die Anti-SSA(Ro)-Antikörper. Ihr Nachweis im Blut ist in den ACR/EULAR-Kriterien mit 3 Punkten bewertet und gilt als ein sehr starker Indikator für das Sjögren-Syndrom. Auch Anti-SSB(La)-Antikörper können bei Sjögren-Patienten auftreten, sind aber für die Klassifikationskriterien nicht direkt bepunktet, ergänzen jedoch das diagnostische Bild.

Antinukleäre Antikörper (ANA) und Rheumafaktoren (RF) sind ebenfalls oft bei Patienten mit Sjögren-Syndrom positiv. Sie sind zwar wichtige Marker für Autoimmunerkrankungen im Allgemeinen, liefern aber keine spezifischen Punkte in den ACR/EULAR-Kriterien für Sjögren. Ihre Präsenz kann jedoch den Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung untermauern und auf andere mögliche Begleiterkrankungen hinweisen.

Zusätzlich zu den Antikörpern werden oft auch allgemeine Entzündungsparameter im Blutbild untersucht. Eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) oder eine Hypergammaglobulinämie (erhöhte Immunglobuline im Blut) können auf eine entzündliche Aktivität im Körper hinweisen, die bei Sjögren-Patienten häufig vorkommt und die systemische Natur der Erkrankung unterstreicht.

Augenärztliche Untersuchungen: Beurteilung der Augentrockenheit

Da trockene Augen ein Kernsymptom des Sjögren-Syndroms sind, spielen spezialisierte augenärztliche Tests eine entscheidende Rolle bei der Diagnose. Diese Untersuchungen helfen, das Ausmaß der Tränenfilmstörung und mögliche Schäden an der Augenoberfläche objektiv zu beurteilen.

Der Schirmer-Test ist ein klassischer Test zur Messung der Tränenproduktion. Dabei wird ein kleiner Filterpapierstreifen in den unteren Bindehautsack eingehängt. Nach 5 Minuten wird die benetzte Länge des Streifens gemessen. Ein Ergebnis von ≤ 5 mm in 5 Minuten in mindestens einem Auge ist ein starker Hinweis auf eine verminderte Tränenproduktion und wird in den ACR/EULAR-Kriterien mit 1 Punkt bewertet.

Anfärbetests, beispielsweise mit Fluorescein oder Lissamingrün, machen Schäden an der Augenoberfläche sichtbar, die durch die chronische Trockenheit entstehen. Diese Farbstoffe heften sich an geschädigte Zellen und ermöglichen es dem Augenarzt, den Grad der Schädigung zu beurteilen. Ein positiver Ocular Staining Score (OSS) von ≥ 5 (oder ein van-Bijsterveld-Score ≥ 4) ist ein objektiver Nachweis für Schäden an der Augenoberfläche und bringt in den Kriterien 1 Punkt ein.

Die Tränenfilmaufrisszeit (BUT Break-Up Time) ist ein weiterer wichtiger Indikator für die Qualität und Stabilität des Tränenfilms. Hierbei wird gemessen, wie lange der Tränenfilm intakt bleibt, bevor er aufreißt. Eine verkürzte BUT deutet auf eine schlechte Tränenfilmqualität hin. Auch wenn dieser Test nicht direkt in den ACR/EULAR-Kriterien bepunktet wird, ist er für den Augenarzt ein wertvolles diagnostisches Kriterium zur Beurteilung der Augentrockenheit.

Untersuchung der Speicheldrüsen

Neben den Augen sind die Speicheldrüsen die am stärksten betroffenen Organe beim Sjögren-Syndrom. Daher sind auch hier spezielle Untersuchungen notwendig, um die Funktion und Struktur der Drüsen zu beurteilen.

Der Ultraschall der Speicheldrüsen (Sonographie) ist eine nicht-invasive Methode, die typische strukturelle Veränderungen im Drüsengewebe aufzeigen kann. Bei Sjögren-Patienten können sich im Ultraschall oft eine inhomogene Struktur, Zysten oder eine Vergrößerung der Drüsen zeigen. Dies kann einen ersten Verdacht erhärten, auch wenn der Ultraschall allein keine definitive Diagnose ermöglicht.

Die Sialometrie misst den unstimulierten Speichelfluss. Dabei wird über einen bestimmten Zeitraum (z.B. 15 Minuten) die Menge des Speichels gesammelt, den der Patient ohne Stimulation produziert. Ein Wert von ≤ 0,1 ml/Minute gilt als pathologisch und ist in den ACR/EULAR-Kriterien mit 1 Punkt bewertet. Alternativ kann der Saxon-Test durchgeführt werden, bei dem die Speichelproduktion durch Kauen auf einem Mullkompressen über 2 Minuten gemessen wird, indem der Kompressen vor und nach dem Kauen gewogen wird.

Lesen Sie auch: Ultraschall Frauenarzt: Kassenleistung oder IGeL? Wann sinnvoll?

Lippenbiopsie: Der "Goldstandard"

Die Lippenbiopsie ist meiner Meinung nach der "Goldstandard" und ein entscheidendes Kriterium für die Diagnose des Sjögren-Syndroms. Sie liefert den direkten histologischen Nachweis der entzündlichen Veränderungen in den Speicheldrüsen.

Der Ablauf einer Biopsie der kleinen Speicheldrüsen aus der Unterlippe ist in der Regel ein kleiner, ambulanter Eingriff, der unter örtlicher Betäubung durchgeführt wird. Ein kleiner Schnitt in der Unterlippe ermöglicht es, einige der kleinen Speicheldrüsen zu entnehmen. Die Wunde wird anschließend vernäht. Die meisten Patienten empfinden den Eingriff als wenig schmerzhaft, und die Heilung verläuft in der Regel unkompliziert. Es ist wichtig, sich nicht unnötig vor diesem wichtigen diagnostischen Schritt zu fürchten.

Der Nachweis einer fokalen lymphozytären Sialadenitis mit einem Fokus-Score von ≥ 1 bei der Biopsie ist das entscheidende Ergebnis. Ein Fokus-Score von 1 bedeutet, dass in 4 mm² Drüsengewebe mindestens 50 Lymphozyten (eine Art von Immunzellen) zu finden sind, die sich zu einem "Fokus" zusammengefunden haben. Dieses histologische Merkmal ist sehr spezifisch für das Sjögren-Syndrom und bringt in den ACR/EULAR-Kriterien 3 Punkte ein, was seine hohe diagnostische Aussagekraft unterstreicht.

Zusammenführung der Befunde und Differenzialdiagnosen

Nachdem alle notwendigen Tests durchgeführt wurden, ist es die Aufgabe des Rheumatologen, alle gesammelten Befunde und Testergebnisse sorgfältig zu bewerten. Er wird die Punkte nach den ACR/EULAR-Kriterien zusammenzählen und beurteilen, ob die Diagnose des Sjögren-Syndroms gestellt werden kann. Gleichzeitig ist es essenziell, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen könnten.

Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen dem primären Sjögren-Syndrom, das eigenständig auftritt, und dem sekundären Sjögren-Syndrom, das als Begleiterkrankung einer anderen Autoimmunerkrankung wie rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes oder Sklerodermie auftritt. Diese Unterscheidung ist relevant für die weitere Behandlung und Prognose.

Bevor eine definitive Sjögren-Diagnose gestellt wird, müssen eine Reihe wichtiger Differenzialdiagnosen ausgeschlossen werden, um eine Fehldiagnose zu vermeiden:

  • Medikamentennebenwirkungen (viele Medikamente können Mund- und Augentrockenheit verursachen)
  • Sarkoidose (eine entzündliche Erkrankung, die ebenfalls Drüsen betreffen kann)
  • IgG4-assoziierte Erkrankungen (eine relativ neue Gruppe von Erkrankungen, die zu Drüsenschwellungen führen können)
  • Frühere Bestrahlungen im Kopf-Hals-Bereich (können Speicheldrüsen dauerhaft schädigen)
  • Infektionen wie Hepatitis C oder HIV (können ebenfalls Trockenheitssymptome verursachen)

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Ich bin Manfred Bruns und beschäftige mich seit über einem Jahrzehnt intensiv mit Themen im Bereich Gesundheit. In dieser Zeit habe ich als Industrieanalyst und erfahrener Content Creator zahlreiche Artikel verfasst, die sich mit den neuesten Entwicklungen und Trends im Gesundheitswesen befassen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Analyse von Gesundheitstechnologien und der Untersuchung von innovativen Ansätzen zur Verbesserung der Patientenversorgung. Ich lege großen Wert darauf, komplexe Daten verständlich zu machen und sie für ein breites Publikum zugänglich zu gestalten. Dabei strebe ich stets eine objektive Analyse an, die auf soliden Recherchen basiert. Mein Ziel ist es, meinen Lesern zuverlässige, aktuelle und fundierte Informationen zu bieten, die ihnen helfen, informierte Entscheidungen zu treffen. Vertrauen und Transparenz sind für mich von größter Bedeutung, und ich bin bestrebt, die Qualität meiner Inhalte kontinuierlich zu verbessern.

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